Aber Menschen bleiben entscheidend – auch in der Ausbildung
Cedric Schütz, geschäftsführender Gesellschafter von Grünewald Consulting, und Henrik Mühlhans, Mitgründer und geschäftsführender Gesellschafter der LeaCo Academy, beraten und trainieren vor allem Familienunternehmen und erleben KI längst im Alltag. Sie soll für Zeitersparnis sorgen – und mehr Raum für persönliche Gespräche mit Kandidaten und Kunden schaffen.
Wie sehr verändert der Einsatz von KI den Arbeitsmarkt?
Cedric Schütz: Grundsätzlich glaube ich: Die Ausmaße von KI können wir
heute noch gar nicht vollständig abschätzen. Alle paar Wochen entstehen
neue Möglichkeiten. Viele sprechen noch über ChatGPT, Textoptimierung,
Large Language Models oder generative KI – aber das war vor drei Jahren
der große Einstieg. Heute sind wir schon viel weiter. Auf dem Arbeitsmarkt
werden sich Jobprofile massiv verändern. Es entstehen neue Aufgaben, neue
Rollen und neue Kompetenzanforderungen. Ein Einkäufer heute hat andere
Aufgaben als vor 15 Jahren. Für uns ist zentral: Es geht nicht nur um KI,
sondern um KI und MI – künstliche Intelligenz und menschliche Intelligenz.
Mein Appell ist: Schaut genau hin, was KI nicht abbilden kann, und spezialisiert
Euch darauf. Dazu gehören Netzwerken, Empathie, soziale Kompetenz,
Entscheidungsfähigkeit, Resilienz und zwischenmenschliche Kommunikation.
KI kann unterstützen, aber sie wird diese Dinge nicht ersetzen.
Henrik Mühlhans: Ich fasse es gerne so zusammen: KI erlaubt uns, wieder
mehr Mensch zu sein. Sie nimmt uns repetitive Aufgaben ab und schafft
Freiräume für das, was zwischen Menschen passiert.
Welche Fähigkeiten im Umgang mit KI suchen Unternehmen heute? Geht es eher um technische Kompetenzen oder doch um Soft Skills?
Schütz: Gerade bei Auszubildenden geht es klar um Potenzial und soziale
Kompetenzen. Berufserfahrung können sie noch nicht mitbringen. Natürlich
braucht man je nach Ausbildung ein solides Grundverständnis: wirtschaftliche
Zusammenhänge, Prozesse, Technologie. Aber jedes Unternehmen hat
eigene Systeme, eigene Abläufe und eigene Anforderungen. Entscheidend ist
die Transferleistung: Kann jemand Zusammenhänge verstehen? Kann jemand
lernen? Kann jemand kommunizieren? Ist die Person neugierig und belastbar?
Mühlhans: Für mich ist wichtig: KI-Kompetenz bedeutet nicht, ein bestimmtes
Tool perfekt zu beherrschen. Die Tools verändern sich ständig. Wichtiger
sind Neugier, Kreativität, kritisches Denken und die Fähigkeit, gute Fragen
zu stellen. Wer mit KI arbeitet, muss Ergebnisse einordnen können. Stumpf
alles zu übernehmen, was eine KI ausspuckt, ist gefährlich. Gute KI-Nutzung
heißt: mitdenken, prüfen, nachfragen und verbessern.
Wie setzen Sie KI konkret ein?
Henrik Mühlhans: Wir haben uns im Team persönliche Agenten aufgesetzt,
in denen unsere Ziele, Charaktereigenschaften, Schreibprofile und eine Art
Business-DNA hinterlegt sind. Mit ihnen entwickle ich Ideen, plane strategisch
und strukturiere operative Aufgaben. Besonders stark merken wir den
Effekt von KI auch bei der Vorbereitung von Workshops. Früher haben diese
drei bis vier Tage Vorbereitung gebraucht. Heute sind wir oft bei einem Tag
– bei deutlich höherer Qualität.
Cedric Schütz: Grundsätzlich überall dort, wo repetitive Aufgaben anfallen:
Kommunikation, Texte, Zusammenfassungen, Strukturierung, E-Mails. In der
Beratung nutzen wir verschiedene Tools. ChatGPT spielt eine große Rolle
in der Kommunikation. Gemini und Claude nutzen wir stark für Recherche
und Datenaufbereitung. Claude ist beispielsweise sehr gut darin, komplexe
Informationen mit Quellenangaben zusammenzufassen – etwa für Newsletter,
Marktanalysen oder externe Kommunikation. Wir führen viele Kandidateninterviews,
meistens per Videocall. Früher mussten wir jedes Interview
anschließend zusammenfassen. Heute sitzt ein KI-Agent virtuell mit im Gespräch
und fasst alles zusammen. Wenn ich den Videocall beende, habe ich
wenige Sekunden später einen fertigen Report, den ich nur noch gegenlese.
Die gewonnene Zeit stecken wir in Gespräche mit Menschen. Denn gerade
der persönliche Kontakt erlebt eine Renaissance. Menschen sind soziale
Wesen. Sie wollen nicht nur mit KI sprechen, sondern mit Menschen.
Was ist denn heute wichtiger: Lebenslauf oder Anschreiben?
Schütz: Ein gut gestalteter Lebenslauf ist ein Must-have – als Zeichen: Hat sich
die Person Mühe gegeben? Sind die wichtigen Informationen klar erkennbar?
Schule, Kontaktdaten, Schwerpunkte, vielleicht Engagement, Hobbys und Interessen.
Aber am Ende entscheidet das Gespräch und die Frage: Traue ich dieser
Person zu, dass sie sich entwickeln kann? Ich gebe Bewerbern, bei denen ich ein
gutes Gefühl habe, gerne auch Aufgaben, die sie ohne KI lösen sollen. Nicht, weil
sie Spezialwissen beweisen müssen, sondern weil ich sehen möchte, ob sie einfache
Zusammenhänge erkennen und einen Lösungsweg entwickeln können.
Mühlhans: Interessant wird künftig wieder natürliche Sprache. Dinge, die
wirklich selbst geschrieben oder gesprochen sind. Ein handschriftlicher
kurzer Text, eine Sprachnachricht oder ein Video können mehr über eine
Person zeigen als ein perfekt glattgebügeltes Anschreiben. Es geht darum,
den Menschen sichtbar zu machen.
Welche Rolle spielen Hobbys, Interessen und außerschulisches
Engagement?
Schütz: Wir betrachten Menschen oft nur in ihrer Arbeitsrolle, aber das
reicht nicht. Gerade bei Auszubildenden ist spannend: Was macht jemand
außerhalb der Schule? Wofür interessiert sich die Person? Engagiert sie
sich? Treibt sie Sport? Beschäftigt sie sich mit modernen Themen? Das sagt
viel über Motivation, Selbstorganisation und Potenzial aus.
Mühlhans: Wir beginnen in unseren Programmen auch genau dort: bei
der Person selbst. Wie geht jemand mit sich um? Wie sieht ein Alltag aus?
Welche Prioritäten setzt jemand? Das kann am Ende mehr über Entwicklungspotenzial
aussagen als eine Note.
Gibt es Branchen oder Berufszweige, die besonders stark von
KI betroffen sind?
Mühlhans: Softwareentwicklung ist sicher besonders stark betroffen, auch
weil dort die technische Affinität ohnehin hoch ist. KI kann beim Coden,
Testen und Strukturieren enorm unterstützen.
Schütz: Marketingagenturen würde ich ebenfalls nennen. Dort verändert
KI interne Workflows massiv – von Text über Bild bis Video. Wenn man die
Frage umdreht, sieht man aber auch Bereiche, in denen KI weniger direkt
ersetzt: Pflege, Handwerk, viele praktische Tätigkeiten. Einen Nagel in die
Wand schlagen, eine Mauer hochziehen oder Menschen körperlich pflegen –
das bleibt menschliche Arbeit. Gerade für junge Leute ist das eine wichtige
Frage: Möchte ich praktisch mit meinen Händen arbeiten?
Was sollten Schüler und Auszubildende aus Ihrer Sicht mitnehmen?
Schütz: Keine Angst vor KI. Niemand muss heute sagen: Ich bin der absolute
ChatGPT-Profi. Das wäre morgen ohnehin wieder überholt. Wichtiger ist
Offenheit für Neues, Lernbereitschaft, Neugier und die Fähigkeit, sich Dinge
eigenständig anzueignen. Gleichzeitig sollten Schüler nicht verlernen, selbst
zu denken. KI ist ein Werkzeug, kein Ersatz für den eigenen Kopf. Und ganz
wichtig: zwischendurch abschalten. Bei der Geschwindigkeit der Entwicklung
braucht man auch diese Fähigkeit.
Mühlhans: Ich würde ergänzen: Kreativ sein, Fragen stellen, kritisch bleiben.
KI kann Fähigkeitslücken wunderbar schließen, wenn man eigeninitiativ damit
arbeitet. Es geht um Kreativität und den Mut, neue Wege auszuprobieren.
Zu den Personen & zu den Unternehmen:
> Cedric Schütz | 32 Jahre alt, aus Solingen
• Abitur 2013, danach Ausbildung zum Industriekaufmann mit berufsbegleitendem
BWL-Studium und Human Resource Management-Studium
• Seit neun Jahren bei Grünewald Consulting
• Nach verschiedenen Funktionen seit 2025 alleiniger geschäftsführender
Gesellschafter des Familienunternehmens, das er in dritter Generation führt.
> Henrik Mühlhans | 34 Jahre alt, aus Solingen
• Abitur 2011, danach Reserveoffizierausbildung bei der Bundeswehr und duales
Studium im Finanz- und Anlagemanagement
• neuneinhalb Jahre bei Ernst & Young
• 2026 gründete er die LeaCo Academy GmbH mit, deren geschäftsführender
Gesellschafter er ist
> Grünewald Consulting ist eine Personal- und Unternehmensberatung, die
Unternehmen bei der Besetzung von Stellen unterstützt – deutschlandweit und
international. Seit 2006 ist das Unternehmen Partner des weltweiten Beraternetzwerks
INAC. Die meisten Kunden sind Familienunternehmen. Die Grünewald-
Gruppe ist ein Verbund verschiedener inhabergeführter Beratungen, die ebenfalls
stark mit Familienunternehmen arbeiten. Zu ihr gehört auch die LeaCo Academy.
> Die LeaCo Academy GmbH bietet Training für Führungskräfte und zur Persönlichkeitsentwicklung
an, auf neurowissenschaftlicher Basis. Kernzielgruppe sind
der deutsche Mittelstand und Familienunternehmen sowie wissenschaftliche
Institute. Sie ist überwiegend im DACH-Raum tätig, aber auch international.
Der Trainingsansatz baut auf rund 30 Jahren Erfahrung aus dem LeaCo Lab auf.
interviewt und verfasst von Celine Derikartz